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Her mit der Gesamtschule, weg mit der Begabungs- und Leistungsideologie!

Bildung„Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten werden mit 10 Jahren zu 71% auf die Hauptschulen, zu 29% aufs Gymnasium aufgeteilt.“, zitiert die Armutskonferenz weitere Details des Armutsberichts der Statistik Austria. „Diese Zahlen zeigen, dass das sozialokönomische Status der Eltern in Österreich einen zu starken Einfluss auf die Bildungswahl von Kindern hat. Die Bildungsentscheidung mit 9einhalb Jahren ist zu früh.“, so Sozialexperte Martin Schenk von der Armutskonferenz. Eine Analyse von Melina Klaus.

Die ÖVP ist trotzdem stur und die SPÖ zögerlich. Trotz dieser und anderer Zahlen und Befunde, die immer wieder eindringlich die soziale Selektion unseres Schulsystems zeigen, erzählen ÖVP und ihre FürsprecherInnen noch immer die Märchen von ‚Leistung’ und ‚Begabung’. Auch vor Medienberichten über das schwache Abschneiden unseres Schulsystems in internationalen Vergleichen schließen unsere LeistungsapologetInnen die Augen. Sie wollen von den Ergebnissen der Werkzeuge, die sie selbst entwerfen und präferieren - nämlich standardisierter Tests - nichts wissen. So zB ÖVP-Bildungssprecherin Gertrude Brinek, die es als Bildungswissenschafterin eigentlich besser wissen könnte. In unserem wunderbaren zwei- und mehrgliedrigen Pflichtschulsystem entscheide Leistung, das brächte die Chance auf Aufstieg, traut sie sich via TV zu verlautbaren. Frau Brinek hat, denke ich, lange schon keine (Wiener) PflichtschulabgängerInnen kennen gelernt. Ich aber arbeite täglich mit welchen, nämlich mit solchen, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, auf der Suche nach Einstieg sind. Von der Möglichkeit eines sozialen Aufstieges sind diese meist weit entfernt. Dimensionen von Bildung, Förderung, Motivation und Stärken haben die wenigsten erfahren; Versagen, Vermeiden, Verweigern und Schwächen gehören vielmehr zu ihrem (Schul-)Erfahrungsschatz.

„Es braucht einen anderen Unterricht, der den für alle Beteiligten fatalen Kreislauf (auswendig) Lernen - Prüfung - Vergessen zu durchbrechen versucht; ein Unterricht, der statt aufeinanderfolgende Vergessensabschnitte zu produzieren, Lernprozesse gestaltet. Anstelle eines defizitorientierten Ansatzes zeichnen sich die sozial erfolgreichen Schulkonzepte durch die Orientierung an den unterschiedlichen Lebenswelten ihrer SchülerInnen aus: in heterogenen Gruppen individuell fördern. Das geht nur mit einer neue Unterrichtsqualität, einer neue Lehrerausbildung und einer neuen Schularchitektur", fordert die Armutskonferenz.

Die Hauptschulen, und mögen sie jetzt auch Kooperative Mittelschulen (KMS) heißen, sind zu einem Abstellgleis geworden. Auch den Umsteige-Bahnhof zur dualen Berufsausbildung fahren sie immer seltener an. Das Lehrstellenangebot sinkt und sinkt, trotz aller finanzieller Förderungen; die Anforderungen der Unternehmen steigen, aufgrund der Konkurrenz und des Pools aus dem die Firmen schöpfen können (SchulabgängerInnen und -abbrecherInnen mittlerer und höherer Schulen).

Die Jugendarbeitslosigkeit ist in den letzten 15 Jahren, seit 1992, um satte 71 % gestiegen! Arbeitslosigkeit, die sich im Erwachsenenalter dann fortsetzt, überproportional bei denjenigen, die „nur Pflichtschule“ in Statistik und Formularen anzukreuzen haben. Und die werden immer mehr, da das Angebot nach der Pflichtschulzeit, wenn sie in der Hauptschule verbracht wurde, immer enger wird. Die Spirale weist ungebremst nach unten.

Übrigens, das Riskio zu einem sogenannten ‚Drop-out’ aus dem Bildungssystem zu werden steigt mit folgenden Faktoren: leben in einer Stadt, Migrationshintergrund haben, Frau sein, Bildungsniveau der Eltern ist eher niedrig, Eltern sind arbeitssuchend. Also Frau, Stadt, andere Muttersprache, Eltern bildungsfern, Eltern arbeitslos = das höchste Risiko früh aus dem Ausbildungssystem hinauszufallen oder erst gar nicht einzutreten, sagt eine IHS-Studie. Und da reden manche von Chancengleichheit und geben vor, keinen Handlungsbedarf zu sehen!

Wer nicht handeln will, will auch nicht, dass der Teufelskreis der Segmentierung durchbrochen wird. Denn die Faktenlage kann doch eigentlich nur schwerlich negiert werden. Es gibt klare Befunde - hier stellvertretend ein paar Thesen eines kritischen Experten aus Köln, Georg Auernheimer (http://www.georg-auernheimer.de).

Seine Kritik am deutschen Bildungssystem kann ganz einfach nach Österreich transferiert werden, da wir das gleiche, verrückte Schulsystem haben:

-Der Glauben an Begabungsunterschiede, fast als eine Naturkategorie, manifestiert sich im mehrgliedrigen Schulsystem. Die angebliche Begabung legt Kinder und Jugendliche auf einen Bildungsgang fest und wird damit zu ihrem Schicksal.

-Die Begabungsideologie bringt einen Entlastungseffekt für das Bildungssystem und die Schulen mit sich. Denn wenn der Lernerfolg mehr oder weniger von der Begabung abhängt, dann haben die pädagogischen Anstrengungen nur bedingt Einfluss darauf.

-In diesem System ist die Grundauffassung leitend, dass die SchülerInnenleistung primär der Anstrengungsbereitschaft und den Fähigkeiten der SchülerInnen und deren Elternhäusern zuzuschreiben sei. Es braucht ein Umdenken in der Richtung, dass die Schule Förderung und Unterstützung für die SchülerInnen zu erbringen hat.

-Mehrgliedrige Bildungssysteme schneiden in internationalen Vergleichen meist schlecht ab. In Deutschland und Österreich erreichen die meisten 15-jährigen nur ein sehr bescheidenes und, gemessen an den gesellschaftlichen Anforderungen, unzureichendes Kompetenzniveau. Ein Viertel der Jugendlichen erreicht nicht die Lesekompetenz, die für eine erfolgreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erforderlich ist, d. h. sie sind funktionale AnalphabetInnen.

-Dazu kommt die Praxis der Sonderschulüberweisungen, wobei die Überweisung auf eine Sonderschule für „Lernbehinderte“ besonders fragwürdig ist, weil „Lernbehinderung“ eine vieldeutige, für Interpretationen offene Kategorie ist. Das Risiko, auf eine solche Sonderschule überwiesen zu werden, ist für Kinder mit ausländischem Pass doppelt bis dreifach so groß wie das der sonstigen SchülerInnen. Die Selektivität des Systems verschärft sich auch durch die Praxis des ‚Sitzen-bleibens’. Viele SchülerInnen verbinden Schule mit Versagenserlebnissen.

-Die frühe Trennung der Bildungswege mindert die Chancen für SchülerInnen mit ungünstigen Eingangsvoraussetzungen den Rückstand gegenüber den Altersgleichen aufzuholen, die mehr „kulturelles Kapital“ (Bourdieu) bzw. eine bessere Passung an die schulischen Anforderungen mitbringen.

-Die Trennung nach Schulformen hat negative Effekte auf das Lernverhalten, weil LehrerInnenwartungen nachweislich Auswirkungen auf die SchülerInnenleistungen haben.

-Durch die Trennung der Schüler/innen nach Schulformen werden soziale Zuschreibungen verfestigt.

-Hauptschulen, die zum Teil nur noch MigrantInnen und anderen sozial marginalisierten Gruppen vorbehalten sind, werden zu quasi exterritorialen, gesellschaftlich vernachlässigten Räumen, weil die Eltern in der Regel weniger in der Lage sind, die Qualität der schulischen Arbeit zu kontrollieren und gegebenenfalls zu intervenieren.

-Es handelt sich um eine soziale Auslese mit Ethnisierungseffekten. Denn die Diskrepanz zwischen den oberen und den unteren Kompetenzniveaus ist nicht nur im internationalen Vergleich einmalig groß, sondern auch außerordentlich eng an die soziale Herkunft gekoppelt.

Wollen wir handeln und wollen wir den Teufelskreis der Segmentierung durchbrechen, dann liegen die Forederungen auf der Hand. Eine Gesamtschule aller 6- bis16-jährigen so schnell wie möglich und der Umbau des Berufsausbildungssystems sind die einzigen Alternativen! ExpertInnen sprechen schon von einer ‚Lost Generation’, aber wer hört ihnen zu?? Immer wieder werden Versuche angedacht und Studien in Auftrag gegeben. Es sieht allerdings so aus, als würden sie zwar in Auftrag gegeben von Institutionen, Ministerien und Ämtern, nach Fertigstellung aber nicht gerne entgegen genommen, sondern offensichtlich zur Bearbeitung ans Salzamt weitergeleitet.

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