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Lilo Daubrawa ist verstorben

Lilo Daubrawa, Mitglied der KPÖ seit 1944, ist heute im 86. Lebensjahr in Wien verstorben.

Lilo, die trotz ihres Alters noch auf vielen Demonstrationen und Veranstaltungen zugegen und in der Partei aktiv war, wird uns, soviel ist sicher, fehlen.

Nachfolgend ein Interview welches im Augustin, Nr. 182, Juni 2006, erstmals veröffentlicht wurde. Das Interview führte Gerald Grassl.

Lilo Daubrawa begrüßt George W. Bush

14jährige und 84jährige werden gegen den Präsidenten der USA am 21. Juni auf die Straße gehen; ihre Motive werden ebenso uneinheitlich sein wie ihr politischer Hintergrund oder ihr Alter. Lilo Daubrawa wird mit Sicherheit unter ihnen sein. Mit dem Augustin sprach sie über das Schicksal ihrer Eltern, über ihre Emigration nach England (im Schulalter) und über ihre berufliche und politische Entwicklung.

Du hast mich mit der Ankündigung überrascht, dass du George W. Bush für seinen kommenden Wien-Besuch dankbar bist.

Ich bin George Bush dafür dankbar, dass er am 21. Juni, da werde ich 84, ausgerechnet an meinem Geburtstag, nach Wien kommen wird. Das wird für mich das wunderbarste Geburtstagsgeschenk sein. Das wird für mich nach längerer Zeit eine schöne Motivation bedeuten, wieder einmal auf die Straße zu gehen, um gegen ihn und seine Politik zu demonstrieren.

Was ist deine früheste Kindheitserinnerung?

Eine frühe Erinnerung ist die an unseren Dackel. Meine Mutter besuchte Verwandte in Berlin und mein Vater kaufte mir während ihrer Abwesenheit einen Dackel. Wir tauften ihn Max. Der Dackel hat im Freien nicht sein Lackerl gemacht. Kaum waren wir im Haus, war es so weit. Wie wird nun meine Mutter darauf reagieren? Mein Großvater mütterlicherseits besaß ein großes Warenhaus in Berlin. Mein Vater führte ein kleines vornehmes Zigarren- und Zigarettengeschäft. Als Mutti wieder nach Hause kam, war sie über den Dackel natürlich überrascht, sagte bloß „aber Max kann er nicht heißen, denn wenn ich auf der Straße ‚Max!’ rufe, drehen sich ja alle Männer nach mir um…“. Als ich in die Mittelschule kam, kam Hitler in Deutschland an die Macht. Meine Freundinnen gingen zuerst unwillig, dann aber immer williger in den BDM (Bund Deutscher Mädchen). Und damit haben sie sich zunehmend von mir distanziert. Meine Eltern waren liberal eingestellt, aber eher unpolitisch. Der erste Mann meiner Mutter lebte mit meiner Halbschwester im Elsass. Als Hitler an die Macht kam, bot er ihnen an, zu ihm nach Frankreich zu kommen. Mein Vater lehnte ab, mit der damals in jüdisch-liberalen Kreisen üblichen Haltung: Dieser Spuk kann doch nicht lange dauern. Was die Eltern letztlich ins KZ gebracht hat, das sie beide nicht überlebten. Sie waren zuerst in Theresienstadt, umgekommen sind sie in Auschwitz.

Wann hast du Deutschland verlassen?

1936. Ein Cousin meiner Mutter hatte für jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich in Südtirol ein Internat eröffnet. Wir hatten tolle Lehrer und die zwei Jahre, die ich dort verbrachte, zählen zu den schönsten meines Lebens. Wir waren nur 45 Kinder, auf drei Landhäusern untergebracht. Ich habe dort auch meine erste große Liebe erlebt. Es herrschte eine sehr schöne, freundschaftliche und gleichberechtigte Atmosphäre. Es gab sehr viel Kultur und Musik. Ich kann mich besonders noch an eine Reise nach Florenz erinnern. Ich bin dann noch einmal in die Ferien nach Hause gekommen und von dort nach England.

Das war unter den herrschenden Verhältnissen in Deutschland gar nicht mehr so einfach.

Mein Vater hatte in England in der Grafschaft Kent einen Cousin, der bereit war, die Garantie für mich zu übernehmen, dass ich dem British Empire „nicht zur Last fallen werde“. In England habe ich den Beruf der Kindergärtnerin gelernt. Ich bin dann nach London, um in einem Kindertagesheim zu arbeiten. Dort habe ich meine Freundin Elsbeth kennen gelernt. Die hat mich in das „Young-Austria“ (Eine österreichische Emigranten-Organisation) im Austrian-Center mitgenommen und dort wurde ich politisiert.

Dort waren auch Autoren wie Erich Fried, Theodor Kramer oder Arthur West organisiert.

Kramer war bei den Erwachsenen im Austria-Center. Ich kann mich vor allem an die Auftritte von Otto Taussig erinnern. Ja und natürlich der Erich Fried… Große Rollen spielten Herbert Steiner, Otto Brichacek (Sein Pseudonym aus seinem Widerstandskampf war Fritz Walter. Viele behielten auch noch im Exil ihre „Decknamen“ bei) und andere. Das war sozusagen die Führung. Dort hat die Frage nach der jüdischen Identität mich auch wieder sehr beschäftigt.

Nach Kriegseintritt Großbritanniens wurden Deutsche und Österreicher interniert.

Nur die Männer. Sie kamen teilweise nach Australien oder auf die Isle of Man. Die meisten sind dann als Kommunisten wieder zurückgekommen. Viele sind später zur englischen Armee, um auf deren Seite gegen die Nazis zu kämpfen.

Mir erzählten Frauen, die damals ebenfalls in der Emigration waren, dass ihre Notsituation von den Gastgebern oft gnadenlos ausgenützt worden sei, dass sie bis zum Umfallen schwer arbeiten mussten.

Das habe ich von meinen Freundinnen auch gehört, aber bei mir war das nicht der Fall. Ich habe ganz normal als Kindergärtnerin gearbeitet wie meine englischen Kolleginnen auch. Dass ich diskriminiert wurde, ist mir nur einmal passiert. Da waren wir eine Gruppe junger Leute in einem chinesischen Restaurant essen und unterhielten uns auf Deutsch. Eine Engländerin hat sich darüber aufgeregt, was ich heute gut verstehen kann. Bevor wir das Lokal verließen, bin ich zu der Frau hin und stellte sie zur Rede, sagte, dass wir genauso wie die Engländer gegen den Faschismus kämpfen. Die hat sich dann sogar entschuldigt. Heute würde ich das nicht mehr tun.

Wann bist du nach Österreich zurückgekommen?

Ich habe zum Schluss in der jugoslawischen Botschaft als Bedienerin gearbeitet. 1946 kam ich gemeinsam mit meinem ersten Mann Kurt Mohl über Frankreich nach Österreich. Nach der Trennung wohnte ich bei einer Freundin und leitete die „Junge Garde“ (Kinderorganisation der KPÖ) in Meidling. Ich lernte meinen zweiten Mann Karli Daubrawa (1913 – 1999) kennen, 1956 kam unsere Tochter Hanni zur Welt. Ich habe bei einer amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation gearbeitet, bis die drauf gekommen sind, dass ich Kommunisten bin. Da haben sie mich rausgeschmissen. Später habe ich in der „Wiener Brückenbau“ als Übersetzerin gearbeitet. Wir haben dort zum Betriebsrat kandidiert, ich an 2. Stelle, erreichten aber kein Mandat. Drei Monate nach den Wahlen haben sie mich rausgeschmissen. Ich arbeitete in ein paar weiteren Jobs, begann dann in einem Reisebüro zu arbeiten, bis zu meiner Pensionierung.

Politisch hast du dich immer besonders für Lateinamerika engagiert.

Mit dem Putsch in Chile 1973 begann meine Solidaritätsarbeit für Chile. Das war ja damals eine ziemlich starke Bewegung. Und die politische Entwicklung Chiles interessiert mich – abgesehen von den österreichischen Verhältnissen – auch heute noch am meisten. Obwohl mir jetzt der Chavez in Venezuela schon auch sehr stark taugt. Persönlich tut es mir leid, dass ich nicht mehr so aktiv sein kann wie früher, aber ich freu mich immer noch am Leben.

Mit Lilo Daubrawa sprach Gerald Grassl

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