1917

Monday, 5. November 2007 @ 13:21

Der Februar 1917 bringt Russland seine zweite Revolution. Lenin sitzt in Zürich wie in einem Käfig. Tausende Pläne werden mit Sinowjew und seinen anderen Mitarbeitern in der Emigration geschmiedet, um in die revolutionäre Heimat zu gelangen, alle wieder verworfen.

Der Weg, den Lenin wählt, um nach Russland zu gelangen, ist typisch für ihn als Mensch und Revolutionär. Er verwirft die revolutionären Pläne, um nach dem kühnsten zu greifen: Die Reise durch das kaiserliche Deutschland. Zwischen Lenin und dem Deutschen Reich wird ein genauer Vertrag über diese Reise geschlossen. Die deutschen Generäle glauben sehr schlau zu sein, wenn sie dem ärgsten Feind des in Russland herrschenden Regimes den Weg in die Heimat frei geben. Lenin wählt diesen Weg, trotzdem er genau wußte, welches Geheul die „Patrioten“ in Russland anstimmen werden. Welch unsägliche Flut von Verleumdung ist doch über Lenin hereingebrochen, weil er diese Reise in dem berühmten „plombierten Waggon“ wagte.

Am 3. April trifft Lenin in Petersburg ein. Über den Kopf der offiziellen Begrüßung wendet er sich hinweg zu den Massen: „Soldaten, Matrosen und Arbeiter ... ! Die Stunde ist nicht fern, wo auf den Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die Waffen gegen ihre Ausbeuter, die Kapitalisten, richten werden ... die russische Revolution von euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die sozialistische Weltrevolution!“ Soldaten verlangen, dass Lenin auf einem der Panzerwagen Platz nähme, die zu seiner Begrüßung aufgefahren sind. Die herabgesunkene Nacht gestaltet den Zug besonders imposant.

Damals im April zählte Lenins Partei nur ein paar tausend Mitglieder. Aber immer mehr strömten ihr die Massen zu. Denn er formuliert als ihre Forderungen was den Wünschen der Bauern in und außerhalb der Armee entspricht: „Verteilung des Bodens unter die Bauern! Schluß mit dem Krieg! Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!“ Aber noch ist es nicht so weit. Im Juli 1917 sieht es so aus, als ob die revolutionäre Situation gegeben ist. In den Straßen formieren sich bereits die Bataillone bewaffneter Arbeiter. Da reißt Lenin den Hebel zurück, „bremst ab“, denn er sieht, dass bedeutende Truppenteile nicht mitmachen. Denn Lenin ist kein Revolutionär um jeden Preis. Trotzki sagt von Lenin, seine Grundzüge als Politiker seien gewesen: Kühnheit des Vorhabens und umsichtige Sorgfalt der Durchführung! Lenin war nicht nur groß in der Tat sondern auch groß in der Beherrschung. Geschichtlich gesehen, war die „gebremste“ Revolution im Juli eine ebenso große Tat Lenins wie die gegen den Widerstand seiner engsten Umgebung zum Sieg geführte im Oktober.

Nach dem Juli ist Lenin wieder verfemt. Mitten im revolutionären Russland muß Lenin in die Illegalität. Im September erkennt er, dass nur eine neue Revolution verhindern kann, dass die russische Revolution versandet. Viele seiner Freunde sind gegen den Aufstand. Aber Lenin setzt seinen Willen durch und siegt. Nach dem Sieg, auf dem Kongress der Sowjets der Arbeiter und Soldaten, tritt Lenin an das Rednerpult. Einfach, ohne Pathos, mit unerschütterlicher Sicherheit verkündet er: „Wir beginnen jetzt mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung“.

Aus: Der Sozialdemokrat, Februar 1934
Wiederveröffentlicht in "Volksstimme-Spezial" – 13. November 1997


KPÖ Wien
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