Gespräch mit Werner Vogt - Teil II

Saturday, 24. November 2007 @ 12:01

"Die Öffentlichkeit ist unbarmherzig"

„Wenn jemand krank oder verletzt wird, sagt man auch nicht: Leg los und such dir wen. Das gleiche müsste für die Pflege gelten. Es muss eine sozialstaatliche Pflegesicherung geben“ Der Unfallchirurg Dr. Werner Vogt, bis Ende 2006 Pflegeombudsmann der Stadt Wien und Mitinitiator des Sozialstaatsvolksbegehrens, über neue Projekte, Demenzkranke und die gesellschaftspolitische Demenz der Vergangenheit -der lange Schatten vom Spiegelgrund.

Das Interview, welches Bärbel Mende-Danneberg führte, wurde im Augustin im November 2007 erstmals veröffentlicht.

Siehe auch Tagebuch einer pflegenden Annäherung, in welchem Mende-Danneberg in mehreren Teilen über eigene Erfahrungen schreibt. Frage: Herr Dr. Vogt, nachdem Ihre Pflegeombudsstelle in Wien Ende vergangenen Jahres abgedreht wurde – haben Sie neue Projekte im Hinterkopf? Ich habe etwas von einer Altenstiftung oder einer Bundesombudspflegestelle gehört…

Vogt: Bei den Plänen einer Altenstiftung haben wir große Hoffnungen gehabt, dass wir von einem großen Geldgeber auf die Füße gestellt werden …

Frage: …einem privaten Geldgeber?

Vogt: Ja, wir haben jetzt so kleine private Geldgeber, aber ich brauche 70.000 Euro, damit ich anfangen kann. Die habe ich noch nicht, sondern 30.000. Die Hoffnung mit dem großen Geldgeber hat sich leider zerschlagen. Wir haben uns Zeit gegeben bis zum Ende des Jahres, da müssen wir überlegen, was wir damit tun oder ob wir doch aufhören. Die da mittun, meinen, man sollte es trotzdem probieren. Die Idee wäre ja, dass es als Privatstiftung läuft und wir von dort aus Projekte unterstützen oder auch gute Dinge loben können, wo man sagen kann, so macht man das. Das ist noch in der Schwebe, es gibt aber einen schönen Prospekt …

Frage: Also die Werbung funktioniert schon?

Vogt: Ja, die Werbung funktioniert. Aber ich bin überzeugt, wenn wir die 70.000 Euro beisammen haben und man kann das offiziell bewerben, dass ich da ein Geld bekomme. Ich kenne das aus anderen Projekten, wir haben ein Krankenhaus in Rumänien gemacht und eines in Nicaragua, daraus ist ein Krankenhaus an der Atlantikküste geworden. Also, wenn mal etwas da ist und bekannt wird, dann geben die Leute dafür was her. Aber ich kann nicht für etwas werben, das es noch nicht gibt.

Frage: Und wie steht es um eine Bundespflegeombudsstelle?

Vogt: Die Idee ist eine Zusammenarbeit von Konsumentenschützern, dem Verein für Sachwalterschaft und den Leuten vom Sozialministerium, das heißt jetzt Netzwerk. Ich bin irgendwann einmal zu den Konsumentenschützern gegangen und hab gesagt: Ich verstehe das nicht, die Alten zahlen für ihre Versorgung viel Geld und sollen jetzt auch noch zusätzlich bezahlen, das ist doch auch Konsumentenschutz, wieso macht ihr nichts? Und dann haben die gesagt, ja, das stimmt. So ist eine Gesprächsrunde entstanden. Dann haben wir die Sachwalter dazu geholt. Man sagt immer, Pflege ist Landessache, diese scheußliche Zerteilung. Aber es gibt das Aufenthaltsgesetz, das Heimvertragsgesetz, das Sachwaltergesetz, das Konsumentenschutzgesetz, das alles sind Bundesgesetze, die ja massiv in das Pflegen, z.B. in Heimen, eingreifen. Das Heimaufenthaltsgesetz mit der Bewohnervertretung ist ja überhaupt das Größte, was in den letzten Jahren passiert ist, aber niemand schaut hin, was passiert. Beim Heimvertragsgesetz bin so was von überzeugt, dass, obwohl es das gibt, noch Heimverträge existieren, die nicht in Ordnung sind, oder Heimverträge, die nicht eingehalten werden (wie sich zwei Tage nach unserem Gespräch medial bestätigen sollte, Anm. B.M-D.) Das ist wirklich ein großes Dilemma. Und hieraus ist die Idee entstanden, es müsste eine Bundespflegeombudsstelle geben, die sich das anschaut, die auf Anruf da ist, die autonom ist, die eingreifen kann und die hier Lösungen findet oder der Politik Vorschläge macht, was zu tun wäre. Das also wäre die Bundespflegeombudsstelle.

Frage: Wären Sie ein Kandidat für so eine Funktion?

Vogt: Meinen Sie eine Person, oder ein Team? Wir haben zwei Lösungen vorgeschlagen. Sollte so eine Bundespflegeombudsstelle entstehen und man würde mich vorschlagen, dann würde ich es wahrscheinlich schon tun. Aber ich glaube ehrlich, dass die Teamlösung jetzt besser wäre und dass man dann sagt, gut, dann tue ich im Team mit. Denn das ist ein großes Projekt, ich möchte auch nicht mehr unentwegt durch Gesamtösterreich touren, das ist unvernünftig, aber wenn man sagt, fang an, dann würde ich es tun, weil ich es für wichtig halte. Überall, wo der Rechtsstaat Einzug nimmt in die Pflegebetreuung alter Menschen, ist es ein wichtiger Schritt. Das ist eine der Jammergeschichten, dass der Rechtsstaat hier kaum vorkommt und dass soviel geschehen ist, ohne dass man wusste, wie, warum, wieso. Wenn man die Pflegeprobleme anschaut, dann ist es nicht das Gerede um die 24-Stundenpflege, also die böhmische Lösung ist nicht das Wichtigste, sondern es sind die Pflegeangehörigen, die 80 Prozent oder 400.000 Frauen ausmachen. Und innerhalb dieses größten Problems sind die pflegenden Angehörigen von Demenzkrankern am elendsten dran. Das ist der schwerste Bereich und betrifft hunderttausende Leute. Ich habe dem Sozialminister Buchinger vorgeschlagen, hier Hilfe anzubieten, aber nicht mehr, wie bisher, dass man sagt, ihr könnt ansuchen, dann kriegt’s was, denn die Leute sind in einem Zustand, die können nicht mehr ansuchen, da geht nix…

Frage: Demenzkranke werden ja überhaupt viel zu niedrig beim Pflegegeld eingestuft. Wie kann das verbessert werden?

Vogt: Ich sitze in einer Kommission, die dieses Elend mit den Pflegestufen bei den Demenzerkankten beheben will. Da soll das Gesetz geändert werden und von den Fachleuten wird verlangt, dass Demenzerkrankte um zwei Stufen hinauf gesetzt werden. Das finde ich richtig. Es wird ab 1. Jänner eine Demenzkampagne geben in Österreich, wo die Bevölkerung und die Ärzte aufgeklärt werden, was Demenz ist, was man tun kann, das soll österreichweit laufen. Und konkret wird es in drei Bundesländern Projekte geben, wo Leute ausrücken und zu den pflegenden Angehörigen gehen und mit denen gemeinsam entwickeln, was sie brauchen. Also maßgeschneiderte Hilfe - und diese dann auch organisieren. Es geht darum, dass die Hilfe gebracht wird und nicht darum angesucht werden muss. Das wird es in Salzburg geben, dort macht es die Diakonie, in der Stadt Wien, da macht es die Volkshilfe, und in etwas abgeänderter Form gibt es das dann auch in Granz, da macht es die Caritas.

Frage: Sind die Hilfen aber auch praxistauglich?

Vogt: Wenn Demenzkranke bettlägerig werden, wird es ja fast wieder leichter, aber bis dahin ist es eine Wahnsinnsanstrengung. Es gibt wirklich keine ruhige Minute. Das Ministerium hat dafür Geld gehabt und hat angeboten: Pflegestufe 1 für Demenzerkrankte - Entlastung vier bis zu 40 Tage im Jahr, und ich habe ihnen gesagt, das geht nicht, man muss ansuchen beim Bundessozialamt, man braucht eine Bestätigung von einem Facharzt oder von einer psychiatrischen Abteilung. Ich habe gesagt, ich wette jeden Preis, diese Hilfe wird niemand abholen. Wenn die Leute lesen: ansuchen, das geht nicht. Nach drei Monaten haben zwei Leute in ganz Österreich angesucht. Ich hab gesagt, das muss man umdrehen, es ist eine Bringschuld.

Frage: Es mangelt auch an alternativen Angeboten…

Vogt: An dem fehlt es. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass diese ganze Geschichte mit dem Pflegegeld, dass die Leute sich selber Hilfe organisieren müssen, ein vollkommener Schwachsinn ist. Wenn jemand krank wird oder verletzt ist, dann sagt man auch nicht, leg los und such dir wen, sondern es ist klar, dass er von den Institutionen das kriegt, was er braucht. Das gleiche müsste auch für die Pflege gelten. Es muss eine sozialstaatliche Pflegesicherung geben, wo den Leuten über die Verfassung garantiert wird, dass sie genau so gepflegt werden, wie sie behandelt werden, das sollte ein Block sein. Und wo das dann auch aufhört, dass die Angehörigen pausenlos unterwegs sind, das zu organisieren. Dann, wenn es schwierig wird, sagt man, jetzt bist du dein eigener Unternehmer, dann sollst du mit einem lächerlichen Pflegegeld etwas organisieren gehen.

Frage. Die Betreuungsdienste zu organisieren, ist mühsam. Wenn dann z.B. für die Anmeldung in einem Pflegeheim noch bis auf die Unterhose alle Finanzen offen gelegt werden sollen, ohne zu wissen, ob ein Pflegeplatz in Aussicht ist, ist das abschreckend.

Vogt: Das ist unwürdig! Niederträchtig! Für viele alte Menschen stellt sich nach einem Spitalsaufenthalt die Entscheidung, wie es weiter geht. Und jetzt wird es wirklich entscheidend: Wenn alte Leute noch einmal die Chance haben, in die Rehabilitation zu kommen, haben 80 Prozent wieder die Chance, nach Hause zu kommen. Es übersiedeln viel zu viele vom Krankenhaus in die Langzeitpflege, und wenn niemand für die Betreuung da ist, bleibt nur mehr das Heim. Dann sinkt die Lebenserwartung schon.

Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Bärbel Mende-Danneberg


KPÖ Wien
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