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Keine Kleopatra. Ein neuer Sammelband beschäftigt sich mit Gisela Elsners heterodoxem Kommunismus

Kultur und Bücher (Rezension von Magnus Klaue, www.literaturkritik.de): Nachdem sie lange Zeit als typisch „feministische“ Autorin der 1970er-Jahre rubriziert und so gut wie nicht mehr gelesen worden war, hat Gisela Elsner seit Oskar Roehlers Film „Die Unberührbare“, der als biografisch verbindliche Auskunft über ihr Leben wahrgenommen wurde, eine erstaunliche Renaissance erfahren. Inzwischen sind ihre großen Romane und ihre Nachlasswerke im Berliner Verbrecher Verlag erschienen, und der Konkret Verlag legt mit dem von Christine Künzel herausgegebenen Band „Die letzte Kommunistin“ nun eine Sammlung kritischer Essays vor, die sich mit dem politischen Gehalt von Elsners Werk jenseits feministischer Positionen beschäftigen – während ausgerechnet der Text Elfriede Jelineks Elsner als einziger an den feministischen Kontext rückzubinden versucht.

Christine Künzel fasst in ihren einleitenden Anmerkungen zum „Verschwinden“ Gisela Elsners noch einmal die einschlägigen Klischees über die Autorin zusammen, die als „schreibende Kleopatra“, „Meduse“ oder „Femme fatale“ bezeichnet wurde, und skizziert, wie Elsners gewissermaßen öffentlich geführte Ehe mit ihrem Lektor Klaus Roehler, mit dem sie als „Traumpaar der Gruppe 47“ figurierte und der Film ihres Sohnes, der sie als tragisch scheiternde Einsame verklärt, ein verzerrtes Bild Elsners geprägt haben, das ihrem politischen Engagement und ihrem persönlichen Selbstbewusstsein nicht gerecht wird. Den Anteil der feuilletonistischen und literarischen Kritik an diesem Bild untersucht Werner Preuß, der unter anderem am Beispiel der „Riesenzwerge“ und des „Berührungsverbots“ illustriert, wie Literaturkritiker und Kollegen das Bild der kalten, aggressiven Satirikerin zu etablieren halfen, die ihre Figuren „vernichte“ und das Spießbürgertum verhöhne – eine Rolle, die ihr einerseits half, sich im literarischen Markt zu positionieren, die sie aber zunehmend ins Abseits drängte, als es für „weibliche“ Literatur solch schneidender, analytischer Art keinen Platz mehr gab.

Der umfangreichste Teil des Bandes besteht aus Einzelinterpretationen, die sich neben den bekannten Romanen auch bislang vernachlässigten Werken wie dem von den Verlagen verschmähten Roman „Heilig Blut“ widmen, dessen verschlungene Publikationsgeschichte Christine Künzel auf dessen zentrale Thematik, den Konnex von Faschismus und Katholizismus, zu beziehen versucht. Die übrigen Texte fokussieren spezifische Themen und ästhetische Verfahrensweisen Elsners: Bernhard Jahn widmet sich dem Luftkriegsmotiv in „Fliegeralarm“ und stellt die Besonderheit von dessen Bearbeitung innerhalb der damaligen bundesrepublikanischen Literatur heraus; Evelyne Polt-Heinzl untersucht die formgebende Bedeutung von Alltagsritualen in Elsners Familienszenarien; Carsten Mindt schließlich stellt plausible Analogien zwischen Elsners Poetik und dem französischen Nouveau Roman her, mit dem sie nicht zuletzt die Beschäftigung mit den Erfahrungen des nationalsozialistischen Krieges und dem historischen Gedächtnis verbindet. Die letzten beiden Essays des Bandes befassen sich ausdrücklich mit einer Dimension von Elsners Werk, die in den übrigen Beiträgen immer schon anklingt: Ihrer Haltung zum Kommunismus. Chris Hirte widmet sich dabei Elsners Beziehungen zur DDR, und Tjark Kunstreich skizziert anhand von Elsners Essays ihre Hinwendung zum Kommunismus in ausdrücklicher Abgrenzung von „utopisch-sozialistischen“ Strömungen der damaligen Zeit. Leider ist Kunstreichs Beitrag der einzige des Bandes, der sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Elsners Kommunismus in ihren ästhetischen Verfahrensweisen jenseits bloßer Programmatik niedergeschlagen hat. Aber auch die anderen Essays sind allesamt prägnant, gut geschrieben und vermitteln in ihrer Zusammenschau einen instruktiven Überblick über die politischen Dimensionen von Elsners Schaffen.

Christine Künzel / Elfriede Jelinek / Chris Hirte / Bernhard Jahn / Tjark Kunstreich: Die letzte Kommunistin. Erinnerungen an die Autorin Gisela Elsner. Konkret Literaturverlag, Hamburg 2009. 144 Seiten, 14,00 EUR. ISBN-13: 9783930786565

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13902

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