Rettet die Aale! - zu Kurt Palms Satire "Bad F u c k i n g"

Thursday, 10. June 2010 @ 07:00

„Bad F u c k i n g“ ist ein ruinierter, langweiliger Ort in der oberösterreichischen Provinz, durch einen Bergsturz abgeschnitten von der Außenwelt – eine Sackgasse in jeder Hinsicht. Zumindest in Kurt Palms gleichnamiger Brachialsatire, die vorgibt, ein Krimi zu sein und im März erschienen ist. CHRISTOPH KEPPLINGER hat das Buch in einer einzigen Lesenacht verschlungen und gibt einen Einblick in dieses zeitgenössische Krähwinkel. Julius Wellischs Sommertage hätten so angenehm werden können. Von der Polizeireform „übersehen“ und mit Arbeit nicht gerade überhäuft geht der Bad F u c k i n g e r Dorfgendarm mit Hingabe seiner liebsten Tätigkeit, der Fischerei, nach. Doch plötzlich gibt es im Ort einen Toten und die Ruhe ist gestört. Vitus Schallmoser, der ehemalige Besitzer des längst Pleite gegangenen Hotels „Europa“, wird von seinem treuen Hoteldiener Bartl leblos aufgefunden. Ein großes Ereignis in dem verschlafenen Nest und ein großes Ärgernis für Wellisch, der den Ermittlungsaufwand scheut. Die Leiche muss mangels funktionierender Klimaanlage in der Aufbahrungshalle vorerst im Kühlraum des Fleischhauers Platz finden, während noch überlegt wird: War es Mord?

So könnte ein durchschnittlicher Kriminalroman beginnen. In „Bad F u c k i n g“ entfaltet sich jedoch mit jedem weiteren der zahlreichen kurzweiligen Kapitel eine komplexe Detailfülle, hinter der die eigentliche Handlung regelmäßig kurz untertaucht. Da gibt es den kassenvertragslosen Zahnarzt Dr. Ulrich, der seiner exjugoslawischen Putzfrau Jagoda Dragičević einmal wöchentlich besondere Dienste abverlangt. Währenddessen lässt sich der Bürgermeister und Hotelier Aloysius Hintersteiner vom Vertreter der Investmentfirma IEG Omega verzweifelte Investments in Risikopapiere aufschwatzen – womit er die letzten Gemeindegelder verzockt. Dessen Sohn Philipp, ein pilzvernarrter Sonderling, verzweifelt an der Geringschätzung durch den autoritären Vater und an seiner unerfüllten Liebe zur Inhaberin des Fotoladens, Veronika Sandleitner. Eine pubertierende, facebooksüchtige Mädchenhorde des Cheerleaderteams „Vienna Honeybees“, die gegen Ende des Romans geradezu sympathisch wirkt, wählt Bad F u c k i n g obendrein als Ort für ihr Trainingslager und sorgt für Bewegung in den Phantasien des sexuell unterforderten und betagten Stammtischquartetts Schreckenschlager (Bestatter), Nutz (Gemischtwarenhändler), Staudinger (Trafikant) und Lassacher (Lagerhausarbeiter), den Stützen des dörflichen Lebens. Der männliche Blick wird bei der genussvollen Beschreibung weiblicher Körper nicht nur an dieser, sondern auch an späteren Stellen im Text überdeutlich herausgefordert.

Der tote Schallmoser ist schnell beerdigt und das Leben in Bad F u c k i n g könnte seinen weiteren Lauf nehmen, was freilich nicht passiert. Schallmosers Vermächtnis bleibt bis auf mehr oder weniger deutliche Anspielungen rätselhaft bis zuletzt. Klar ist jedenfalls: Es geht um Geld, viel Geld, das mit einer geheimnisvollen und sensationellen Entdeckung unter der Oberfläche Bad F u c k i n g s zusammenhängt. Und Geld ist es, was der bankrotten und von Touristen längst gemiedenen Dorfgemeinde an allen Ecken fehlt. Keine Infrastruktur, kein Handyempfang, bröckelnde Hausfassaden. Wie in einer Rundfahrt lernt man nach und nach die Ecken dieses Örtchens samt der dort befindlichen BewohnerInnen kennen.

Der anfangs auf kleinteilige Beschreibungen und witzige Charakterisierungen konzentrierte Text gewinnt ab der Hälfte an Fahrt und Bewegung, die Distanzen weiten sich. Der Ort entwickelt sich mehr und mehr zum Zentrum komplexer Beziehungen. Ein gewaltiges, ganz Europa umfassendes Unwetter braut sich direkt über Bad F u c k i n g zusammen. Die Großstädte Wien, Prag, München geraten im Vergleich zu kleinen Nebenschauplätzen. Aus diesen werden nach und nach zahllose Figuren hereingeholt, die allesamt mit den anfänglichen Ereignissen in Bad F u c k i n g verstrickt sind. Keine Figur bleibt im Roman ohne Kontur, jede bringt ihren jeweils eigenen Handlungsstrang in die Erzählung ein: Der dunkelhäutige Footballspieler Greg auf der Suche nach seiner Lebensgefährtin und mittlerweile verschwundenen Cheerleadertrainerin Sandra Redmont, der nach Stifter benannte Jungmodedesigner Adalbert aus Wien-Neubau samt der tschechischen, nach Kafkas Liebe benannten, Auftragseinbrecherin Ludmilla Jesenská (sie verlieben sich natürlich sofort ineinander!) und zuletzt die forsche Ermittlerin des Bundeskriminalamts Camilla Glyck, die ihrerseits für einen der vielen weiteren Todesfälle im Roman sorgt. Sie erhält den brisanten Auftrag, die entführte Innenministerin Maria Sperr ausfindig zu machen, die – wo sonst – irgendwo bei Bad F u c k i n g verschwunden sein soll.

Spätestens an diesem Punkt gibt man sich der Fülle an parallel verlaufenden Erzählsträngen hin, die Palm in klein dosierten Häppchen serviert und, garniert mit bis zur Groteske übersteigerten Stellen, auf ein Finale im Epizentrum Bad F u c k i n g zutreibt. Durch Montagen und plastische Szenenwechsel entsteht ein (noch) nicht produzierter Film. Die fallweise zum Slapstick ausufernden Klamaukeinlagen mögen nicht auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen. Es zählt jedoch zu den Stärken von Palms schwarzem Humor, einen beim Lesen genau dort laut lachen zu lassen, wo man sich das Lachen öffentlich peinlich verkneift. Denn wann sieht man schon den Bürgermeister in einem lächerlichen Todeskrampf scheißend und kotzend über der Klomuschel hängen? Oder die Vorstellung vom Gendarmen Wellisch, der in seinem mit Fischereizubehör dekorierten Wachposten regelmäßig in die dort aufgestellten Eimer mit Aalfutter aus Fleischabfall, Würmern und altem Brot onaniert? Von den absurden Peinigungen, die der selbstverständlich fiktiven Innenministerin im Roman zugedacht sind, soll hier besser geschwiegen werden.

So brutal und holzhammerartig der Text fallweise wirkt, so fein hingegen sind die Untertöne, wenn Palm die ohne Ausnahme bedrückenden Schicksale seiner Figuren umreißt. Als positive Figuren heben sich die Fotohändlerin, die von ihrer Opernkarriere träumt, oder die Zahnarztputzfrau, die alle Demütigungen durch den Arzt des Geldes und einer glücklicheren Zukunft in Belgrad wegen erträgt, von den vielen scheiternden oder gescheiterten Existenzen in Bad F u c k i n g ab. Zugleich sind ihre Wunschwelten die weichgezeichneten Träume vom besseren Leben, die nur in Vorabendserien oder Groschenromanen wahr werden.

Bad F u c k i n g funktioniert als Romanort, weil er wiedererkennbare Elemente der österreichischen Gegenwartsrealität vereint und weil er als Schlüsselroman Vertrautes offen andeutet. Der Eindruck, dass so mancher Einfall unbedingt noch im Text untergebracht werden musste, bleibt bestehen. Und ohne Anspielungen auf Stifter und ohne ein Brechtzitat wäre es kein Buch von Kurt Palm. Immerhin: das Rätsel, was es mit den Aalen auf sich hat, steigert die Erwartung bis zuletzt. Wer schon Palms James-Joyce-Alphabet Der Brechreiz eines Hottentotten gelesen hat, mag eine leise Ahnung haben. Aber das Ende des Krimis, auch wenn es keiner ist, soll nicht verraten werden. (aus: Volksstimme Juni 2010)

Jetzt schon in der 2. Auflage: Kurt Palm: Bad F u c k i n g. Krimi. St. Pölten / Salzburg: Residenz Verlag 2010. 280 Seiten. ISBN: 978-3-701715343. EUR 21,90.


KPÖ Wien
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