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Die Objektiven und die Ideologischen

Zum Umgang mit einem übel beleumundeten Begriff

Vorbemerkung: Nachfolgenden - sehr langen, sehr theoretischen, sehr geschichtsverliebten - Text hat jemand anderes geschrieben, nämlich mein früheres Ich, und zwar vor 23 Jahren. Er stammt also, wie man so schön sagt, noch aus dem vorigen Jahrhundert. Dennoch: Trotz unserer rasanten Zeiten, wo die Ideengeschichte in 20 Jahren Sprünge macht, die ein weiteres Jahrhundert früher eben ein ganzes solches Jahrhundert in Anspruch genommen hätten, scheint sich im Denken nicht gerade viel geändert zu haben - zumindest könnte man das glauben, wenn man diesen ausgegrabenen Text wieder liest.

Aber liest man solch lange Texte heute überhaupt noch? Noch dazu auf Facebook? Nunja, das ist wohl ein Experiment. Aber Sommerzeit ist Lesezeit, wie die letzten verbliebenen Vertreter des Buchhandels gerne verkünden. Und Sommerzeit ist auch die Zeit, wo mir nichts einfällt, und in Corona-Zeiten ist das Hirn sowieso verklebt, daher hier für diese Kolumne ein Text, der erstmals in akin Nr.9/1998 erschienen ist:

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Der Satz regte mich auf: "Ideologie ist so wie Religion" meinte kürzlich ein Redaktionskollege. Ich ideologisch gefestigter Racheengel mußte da natürlich sofort lautstark protestieren. "Das ist ein Herrschaftstopos", dozierte ich, "Ideologie ist, wenn man sich etwas dabei denkt, bevor man handelt". Die jeweilige Herrschaft wolle nun einmal nicht, daß an ihrem System prinzipielle Kritik geübt werde. Punkt.

Später dann im stillen Kammerl spukt das Wort immer noch in meinem Kopf herum: "Ideologie"! Das heißt doch ganz einfach nur "Ideenlehre". Woher aber dann dieser doch schlechte Beigeschmack des Wortes. Weiß ich überhaupt wirklich, was das ist: Ideologie? Besser: Weiß ich, was man darunter alles verstehen kann? Ich stellte fest, daß ich es nicht wußte, und begann Literatur zu wälzen.


Wechselvolle Geschichte

Das "Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache" von Kluge (1995) erklärt die Herkunft des Wortes folgendermaßen: "Mit dem Wort wird zunächst der Versuch bezeichnet, aus den natürlichen Gegebeneiten des Menschen Prinzipien für soziale und pädagogische Ordnungen zu finden (...) Durch die Gegner der Richtung wird die Bezeichnung abgewertet."

Den Begriff aufgebracht hatten nämlich die französischen Aufklärungsphilosophen A.L.C. Destutt de Tracy und P.J.C. Cabanis. Die beiden gehen vom Menschen als Maß aller Dinge aus, analysieren die Wechselseitigkeit von Körper und Geist und erkennen die Sinneswahrnehmung als einzige Grundlage der Bewußtseinswerdung - also den Ursprung der Ideen - an. Der daraus folgenden gezielten Manipulation des Einzelnen zu einem "besseren Menschen" ist sicher - so wie der gesamten Aufklärung - Paternalismus vorzuwerfen, war aber nicht der Grund für die Ablehnung. Denn die Negativbesetzung des Begriffs Ideologie hatte ihren Ursprung in der Haltung Napoleon Bonapartes, der die Ideologen als unpraktische Theoretiker verhöhnte und verfolgen ließ. Der "Macher" Napoleon hatte einfach kein Interesse daran, daß sich jemand darüber Gedanken machte, wie sinnvoll für den Menschheitsfortschritt seine Krönung zum erblichen Kaiser und seine Feldzüge wären.

Nach dem Niedergang des Bonapartismus gerät das Gedankengut von Destutt und Cabanis in Vergessenheit, das Wort hingegen bleibt erhalten. Es kommt zu einer Verschiebung der Begrifflichkeit in Richtung "Welterklärungsmodell" - allerdings auch weiterhin mit der negativen Konotation. Bereits bei Karl Marx ist das Wort "Ideologie" zumeist einfach als abschätzige Bezeichnung für das Denken anderer Leute in Verwendung - ohne Zusammenhang mit Destutt und Cabanis. Im Gegenteil, während Cabanis Hauptwerk aus dem Jahre 1802 von der Philosophie der Restauration wegen seiner materialistischen Grundsätze verdammt wurde, sind für Marx/Engels 1846 in "Die deutsche Ideologie" ausgerechnet jene die Ideologen, bei denen sie eine "Verselbständigung des Bewußseins" diagnostizierten. Den gemeinten Philosophen Feuerbach, Stirner und Co. komme es nicht in den Sinn, nach dem Zusammenhang ihres Denkens mit der Wirklichkeit, in der sie lebten, zu fragen - so das sozialistische Klassiker-Duo.

Später verschwindet auf kurze Zeit auch das Wort "Ideologie" aus dem allgemeinen Gebrauch. Das "Brockhaus Handbuch des Wissens" von 1929 kennt das Wort nicht mal, sondern verzeichnet lediglich "Ideolog" als Synonym für "Schwärmer, Träumer". In Klemms "Jedermanns Lexikon" von 1930 taucht das Stichwort in gar keiner Form auf.

Nach dem 2.Weltkrieg, als bei den Intellektuellen ein dringendes Bedürfnis nach politischer Neuorientierung bestand, erfährt der Begriff eine weniger negative Bewertung. Nun wird mit einem Rückgriff auf Marx die Ideologie gesehen als Weltanschauung einer durch ein Bewußtsein geschaffenen Gruppe, das aus dem Sein resultiert. Damit wird Ideologie vor allem als Begriff der Wissenssoziologie eingeführt.

Daneben entsteht aber auch die Verwendung als allgemeines Synonym für "Weltbild". Der konservative Soziologe Helmut Schoeck faßt 1969 diese beiden Begrifflichkeiten zusammen: "Ideologie kann jedoch wertfrei die Gesamtheit der Wertungsschemata, Deutungsmodelle und Motive einer jeden Gruppe bezeichnen (vor allem, wenn sie poltitisch wirksam ist oder sein möchte), aber auch jeder Kategorie von Personen, die sich untereinander nicht kennen oder für verbunden halten, aber die gleiche Interessenlage haben (z.B. weil sie denselben Beruf ausüben)."


Allergische Reaktion

Soviel zur Geschichte. Das ist aber nur ein Teil der semantischen Problematik. Ich gehe auf den Ausgangssatz zurück: "Ideologie ist so wie Religion". Was auch das aktuelle Wörterbuch bestätigt. Die Kluge-Definition von 1995: "Heute versteht man darunter eine politische oder soziale Grundeinstellung, die gegen Argumente von außen immun gehalten wird." Eine Umfrage unter durchaus linken Bekannten ergab in den meisten Fällen ebenfalls hauptsächlich negative Konotationen: Geschlossenes System, Totalitarimus, Sektiererei etc. Fast alle verwechselten auf die ohne Vorbereitung gestellte Frage Ideologie mit Dogmatik. Das mag vielleicht und mit Einschränkungen angehen, wenn man die historische Ideologie meint, nicht aber, wenn man den Begriff verwendet, wie er in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zumeist verstanden worden ist, nämlich als Weltbild, mit dessen Hilfe Geschichte analysiert wird und Zukunft versucht zu planen.

Wieso diese allergische Reaktion? Nach dem Scheitern des "real dahinvegetierenden Sozialismus" 1968, spätestens aber 1989, wurde gleich alles mögliche über Bord geworfen, was sozialistisches Gedankengut war, damit aber auch die materialistische Ideologie.

Doch die Ablehnung der Ideologie ist nicht einfach nur Folge des Nichtaufgehens der Vorstellungen einer sowjetischen Gesellschaft. Die Ablehnung ist ganz allgemein Folge der Kritik am Machbarkeitswahn. Den gab es im Westen wie im Osten. War er im Westen bunt und technikverherrlichend, kam im Osten zur technischen Hoffnung auch noch die auf den neuen Sowjetmenschen hinzu.

Der Zusammenbruch von 1989 beschleunigte zwar einen Paradigmenwechsel, war aber nicht der eigentliche Auslöser dessen, was so schönneuweltlich "das Ende der Geschichte" bezeichnet wird, nämlich die Akzeptanz des Existenten als unwandelbar: Der Kapitalismus als Schicksal.

Die heute geführte Globalisierungs-Debatte scheint diesem Glauben an der prinzipiellen Unveränderlichkeit ein Ende zu setzen. Beim genauen Hinsehen bleibt aber wieder nur die Hysterie: "Pfui, der böse Kapitalismus hebt sein gräßliches Haupt!" Aber die wichtigste Frage wird nicht einmal gestellt, geschweige den versucht zu beantworten: "Was tun?"


Die Angst vor dem Rezept

Dieses Verhalten resultiert eben aus der Kritik an den Machbarkeitsvorstellungen der Aufklärung und der Erkenntnis, daß obrigkeitlich verordnete Rezepte zur Diktatur führen.

Aber wenn nicht analysiert wird, wo denn vielleicht Handlungsansätze zur Veränderung wären, bleibt nur Gejammer über eine katastrophisch einsetzende Barbarei, das ohne Handlungsansätze harmlos bleibt und lediglich unartikulierter Wut ein Ventil bietet. Es bleibt Frustration, Autoaggression, Rückzug in heile Privatwelten, Biedermeier.

Hier fehlt der Wille zur Diskussion. Äußerungen über die Möglichkeiten zielorientierten Handelns werden mit dem Vorwurf der Dogmatik quittiert, anstatt diese Statements als Diskussionsanregungen zu verstehen. Denn selbst wenn die Ideologie dogmatisch ist, d.h. einer in sich widerspruchlosen Logik verhaftet, also monistisch ist, heißt das noch lange nicht, daß der Vertreter dieser Ideologie diese auch autoritär durchzusetzen gewillt ist. Es kann auch lediglich als Denkanstoß gemeint sein.

Es reicht nicht, ein als schlecht empfundenes System zu kritisieren, es gilt es zu schädigen und schließlich zu zerstören, sowie gleichzeitig ein für besser gehaltenes System aufzubauen. Für dieses Zerstören kennen wir aus der Geschichte eine Reihe entsetzlicher Beispiele. Faktum ist aber auch, daß politische Systeme sich nicht von selbst zerstören. Materielle Veränderungen wie die Dampfmaschine mögen Geschichte gestaltbar machen, die daraus folgenden gesellschaftlichen Veränderungen selbst sind aber nicht Sache allein von James Watt gewesen. Denn Geschichte wird gemacht, von oben wie von unten. Wenn von unten nichts mehr kommt, bleibt nur das Oben als verändernde Kraft.

Natürlich ist es einfacher, nur zu analysieren, was schon war oder noch ist, ohne daraus Schlußfolgerungen für das eigene Handeln zu ziehen. Wir erinnern uns mit Schaudern an Marxens Werk: Dessen Analyse des Kapitalismus ist bis heute im Kern anerkannt, seine Zukunftstheorien und Handlungsanweisungen werden Ende des 20.Jh. allerdings als vollkommen verfehlt angesehen. Aber Marx wußte eben, daß es nicht reicht, sich im Elfenbeinturm als weiser Analytiker zu profilieren, sondern daß man sich auch darüber Gedanken machen muß, was zu tun ist - auch wenn man riskiert, von der Geschichte widerlegt zu werden.

Denn Marx/Engels wußten trotz ihrer Ablehnung der "Ideologie" sehr wohl, daß auch ihr dialektisch-materialistisches Denken ideologisch war. So schreiben sie in "Die deutsche Ideologie": "Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als einzig vernünftige, allgemein gültige darzustellen."

Hier hört man die Ideologie als bewußtseinsgeprägtes Interesse heraus. Denn mit "einzig vernünftig, allgemein gültig" wären wir bei der "Natürlichkeit" des eigenen Gedankens angelangt. Solange dialektisch-materialistisches Denken im Vormarsch war, war die Anwendung des Wortes "Ideologie" als Kampfbegriff zwar nicht sehr ehrlich, so doch opportun. Mit dem Einbruch aber des postmaterialistischen Idealismus in die ideologische Avantgarde richtet sich plötzlich das Denken gegen sich selbst: Die Ignoranz gegenüber den langfristigen Folgen des eigenen Handelns wird modern. Wer heute "langfristig" denkt, kauft Paradeiser, auf denen "Ja, natürlich" steht, fragt aber nicht, wer daran verdient und wer dabei verliert - denn das ist ideologisch und damit pfui. So wird die taktische Ablehnung des Wortes wieder zu einer grundsätzlichen Ablehnung des Begriffs.


Es lebe die Zukunft

Es stimmt schon, die Zukunft kann nicht lebenswert gestaltet werden, wenn man totalitäre Heilslehren durchzuführen versucht. Diskussion und "Trial and Error" sind notwendig zur tatsächlichen Weltverbesserung. Aber dennoch sind hier Ideen im Wortsinn notwendig. Ideologie muß also nicht heißen Dogma. Ideologie heißt einfach darüber nachzudenken, bevor man etwas in der Gesellschaft ändern möchte. Wenn sich aber Leute, die nachdenken, aus der Debatte um die Zukunft ausklinken, dürfen sie sich nicht wundern, wenn die "Dummen" über die Welt des 21.Jh. bestimmen. Die Arbeiterbewegung Ende des 19., Anfang des 20.Jh. hat unter anderem deswegen soviel erreicht, weil sie sich immer auf die Zukunft orientiert hat. Die Zukunft wurde von der damaligen Linken als ihre Zeit angesehen. Das, was sich heute Linke nennt, kennt nur Horrorszenarien. Die Zukunft ist ein Feind, gegen den man sich wehren muß, denn es wird immer schlimmer. Das ist auch verständlich, denn heute hat der Großteil der Bevölkerung einiges zu verlieren, nicht wie damals die Proletarier ihre Fesseln. Deswegen aber gleich jede Utopie zu vergessen, ist grob fahrlässig. Die Zukunft muß man lieben, wenn man sie gestalten will. Wer sich aber eine bessere Zukunft vorstellen können möchte, wird Ideologie brauchen.

Das Technische, Konstruktive erzeugt immer zum einen Euphorie, zum anderen Angst. Nachdem man konstatierte, daß die Euphoriker soviel Schaden ökologischer, aber auch gesellschaftlicher Natur erzeugt hätten, kehrte die Avantgarde der Moderne den Rücken. Die Postmoderne ist eine Kultur der Angst und des Nichtverstehenwollens der Welt. Die Folgen sind die Suche nach dem Natürlichen und dem Göttlichen.


Alternative Natürlichkeit

So ist auch die Entwicklung der Ablehnung des Materialismus in Teilen der Alternativbewegung zu erklären: Die Vergeistigung als Mißachtung des Lebendigen. Die Welt ist nicht so, wie wir es gerne hätten, deswegen ist alles, was wir nicht wollen, widernatürlich. Typisch war dafür das so oft gehörte Wort von der "unmenschlichen Profitgier". Was nicht nett ist, dem wird das Menschliche abgesprochen.

Die Folge war eine eigenartige Verknüpfung der Alternativbewegung mit romantischen, esoterisch-dogmatischen Heilslehren. Derlei wurde nicht als "Ideologie" begriffen, sondern als "natürlich" - ein unsäglich dummer Begriff: "Natürlich" ist alles, was aus der Natur kommt, ein Ergebnis des Funktionierens der Naturgesetze. Natur ist also alles: vom Gänseblümchen über unsere Hirnstruktur und psychologische Mechanismen sowie die Unaufgeräumtheit meiner Küche bis hin zur Mondrakete, der Oktoberrevolution und der Globalisierung. Mit "natürlich" bezeichnet aber der postmaterialistische Mensch die begreifbaren Ergebnisse aus "im Gleichgewicht" befindlichen ökologischen Systemen. Aber eben auch alles was schön, gut und wünschenswert erscheint, gewinnt diese ausschließende Natürlichkeit. Dieses "Gute" muß bewahrt werden, ohne zu hinterfragen, woher es kommt und welche Folgen es hat. Der Philosoph K.P. Liessmann meint in "Der gute Mensch von Österreich" daher auch über den modernen Linken, er denke nicht mehr nach, sondern er "wittere" das feindlich Gesinnte nur. Dieser politisch Engagierte analysiert nicht mehr was passiert und zieht daraus Schlüsse für sein Handeln, sondern er reagiert romantisch-hysterisch.

So ist dann auch der Sponti-Spruch: "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!" zu verstehen. Denn was heißt denn hier Recht und Unrecht? Recht ist immer eine Frage, wer wie wo warum etwas für rechtens erklärt hat. Recht wird gesetzt, es ist nie "objektiv", "natürlich" im Sinne von "göttlich" oder nicht von menschlicher Herrschaft geschaffen. Daß heißt, hier kann lediglich das Verhältnis zwischen herrschaftlichem Rechtsregime und persönlichem Gerechtigkeitsgefühl gemeint sein, wenn ich diesen Satz ernst nehmen will. Vor diesem materialistisch-ideologischen Hintergrund bedeutet der Satz einfach nur, daß man sich dagegen wehren muß, wenn andere etwas zu Recht erklären, was einem selber nicht paßt. Das ist zwar eine durchaus richtige Feststellung, entbehrt aber der Legitimation durch Heiligkeit, wie sie durch die Vorstellung eines natürlichen Rechts sehr wohl erweckt wird. Mit der banalen Aussage, daß man sich nicht alles gefallen lassen darf, läßt sich daher sehr viel schwerer agitieren und Empörung erzeugen. Es ist einfacher zu sagen: "Das ist unrecht!" in Berufung auf eine höhere Instanz als "Das wollen wir nicht!" Daher bleibt man lieber beim "Unrecht". Das Eingeständnis aber, daß die Behauptung des Unrechts lediglich ein gesellschaftlicher Veränderungswille mit einem systematischen Hintergrund - sprich Ideologie - ist, wäre kurzfristig zwar nicht sehr hilfreich, könnte aber zu einem ehrlicheren Umgang mit diesem Willen führen. Denn das Nichteingeständnis der eigenen Ideologiehaftigkeit - also der Vertretung einer Weltanschauung - führt zur Ablehnung des Ideologischen an sich.


Nur ein Wort

Wohin diese prinzipielle Verdammnis führt, sei hier mit einem Beispiel illustriert: Die Bundessprecherin der deutschen Grünen sprach 1996 davon, daß ihre Partei doch auch in der CDU/CSU einen möglichen Koalitionspartner sehen könne. Die Sprecherin meinte dabei, man müsse das ganz "ideologiefrei" betrachten.

Da bleib ich doch schon lieber ideologisch bestimmt. Aber man muß nicht unbedingt am Wort hängen. Der Gießener Politologe Franz Neumann schreibt 1977 in seinem "Handbuch Politischer Theorien und Ideologien": "Vielfach wird der Begriff Ideologie so unkritisch bestimmt, daß jede Bewußtseinsform und jedwedes Denken, also auch jede Theorie als Ideologie bezeichnet wird. Ein solcher totaler Ideologiebegriff läßt keinen Raum für eine Unterscheidung von richtigem - realitätsgerechtem - und falschem Denken. Ist alles Ideologie, dann gibt es keine Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit und damit auch keine kritische, auf eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse abzielende Theorie. Der Ideologiebegriff sollte allein für falsches, aber gleichwohl in einer bestimmten historischen Situation sozialer Gruppen und Klassen notwendiges Bewußtsein vorbehalten bleiben."

Naja, mit der "objektiven Wirklichkeit" ist das so eine Sache. Ob eine politische Theorie unabhängig vom Theoretiker sein kann, möchte ich schon bezweifeln. Aber vielleicht hat Neumann grundsätzlich recht damit, daß das Wort ob seines schlechten Rufes endgültig negativ besetzt ist. Oder es ist wegen seiner Verwaschenheit überhaupt unbrauchbar geworden, denn "ideologisch" sind ja doch immer nur die anderen: "Ideologie ist demnach ein Begriff, mit dem alle theoretischen und praktischen Positionen bezeichnet werden können, deren Wahrheits- und Wirklichkeitstheorien von der jeweils entgegengesetzten Position negativ beurteilt werden. Begründet ist der Ideologie-Vorwurf allerdings nur auf der Basis vernünftig begründeter Kriterien von Wahrheit und Wirklichkeit." meint der Bayreuther Philosoph Wilhelm Vossenkuhl im "Lexikon der Ethik" (1992). Was bedeutet, daß "Ideologe" in den 90ern wohl ausschließlich nur mehr die Bedeutung eines Schimpfwort für jene hat, die eine andere Vorstellung von "Wahrheit und Wirklichkeit" haben - ein Kampfvokabel eben, bar jeden politologischen Inhalts.

Doch die prinzpielle Kritik bleibt: Mit der Aufgabe des Wortes "Ideologie" sollte nicht auch gleich das analytische Denken als Grundlage des politischen Handelns zugunsten einer empörungsorientierten Haltung vernachlässigt oder gar verworfen werden. Denn der Wille zur systematischen Gestaltung, der Versuch einer durchdachten Vorgangsweise zur Verbesserung der gesellschaftlichen Umstände ist Voraussetzung für eine angenehmere Welt. Wer sich dem entzieht, ist ein Kulturverweigerer.

Če, Oberkochmezer der Wiener Zeitschrift "akin" sowie Co-Tratscher der
Salzburger Radiofabriksreihe "Schallmooser Gespräche"

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Wien Wahl 2020

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