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Die Sache mit dem Hauptwiderspruch

  • Friday, 2. July 2021 @ 08:40
"Wenn ein Prozeß mehrere Widersprüche enthält, muß einer von ihnen der Hauptwiderspruch sein, der die führende und entscheidende Rolle spielt, während die übrigen nur eine sekundäre, untergeordnete Stellung einnehmen. Sobald dieser festgestellt ist, kann man alle Probleme leicht lösen." (Mao)

"Es ist alles sehr kompliziert." (Sinowatz)

So schnell geht ein Monat vorüber. Jetzt will Didi schon wieder eine Kolumne von mir. Es darf auch mal was Böses über die KPÖ drinstehen, hat er gesagt. Na gut, ein bisserl kann ich das diesmal wohl erfüllen, aber es geht trotzdem eher gegen die Bobos. Und die KPÖ muß es eh nicht verantworten, weil das ja hier die Kolumne von Leuten ist, die explizit keine KPler sind, wenn auch vielleicht doch Kommunisten. In meinem Fall Anarcho-Kommunisten, für die in der KPÖ in ihrer Geschichte ja sowieso genausowenig Platz war wie bei den Sozis, aber davon mag ich ein anderes Mal sudern.

Diesmal gehts mir um die Theorie des Hauptwiderspruchs. Ganz besonders in der KPs dieser Welt war der ja lange Zeit sehr beliebt, aber auch die Sozialdemokratie konnte damit recht gut leben - vor allem, weil man damit wunderbar die Frauen in der zweiten Reihe halten konnte. Motto: Nach der Revolution löst sich die "Frauenfrage" ganz von selbst. In den Comecon-Staaten war auch die Unterdrückung anderer Fragestellungen damit leicht argumentierbar, egal, ob es um Umwelt, Militarismus, Demokratie oder Homosexualität ging; Alle Probleme werden gelöst sein, wenn der real existierende Sozialismus im Himmelreich des Kommunismus angelangt ist und der neue Sowjetmensch die ganze Welt gestalten darf. Im Westen entstand hingegen im Gefolge von 68ern und Hippies die Alternativbewegung, die sich nie so wirklich entscheiden konnte, ob sie esoterisch-idealistisch oder modern-materialistisch denken sollte.

Diese Entwicklung hatte durchaus auch ihr Gutes: Die bisherige Nebenwidersprüche wurden aufgewertet, soziale Bewegungen abseits des Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital erhielten eine größere gesellschaftliche Relevanz. Dabei blieb aber zumeist schon klar, daß der bisher einzige Hauptwiderspruch immer präsent zu sein hatte.
Doch diese ideologische Indifferenz, vor der ja obzitiert Mao gewarnt hatte, gebar schließlich ein ideologisches Zwischending, irgendwas zwischen Moderne und Romantik: die Postmoderne. Die sorgte dafür, daß nun fast alle gesellschaftlichen Probleme Hauptwidersprüche waren, nur der Kapitalismus zum Nebenwiderspruch herabsank. Ja, man könnte sagen, vagunnt, vagunnt, das Kaprizieren auf diesen einen Punkt rächt sich jetzt. Allerdings hängt das auch mit den nunmehrigen Akteurinnen und Akteuren zusammen, die halt zumeist nicht aus der Arbeiterklasse stammen und sich oft trefflich mit dem Kapitalismus arrangiert haben.

Das Denken in Hauptwidersprüchen allerdings feiert trotzdem fröhliche Urständ. Der jetzige wäre global der Klimawandel, wenn ihm da nicht mittels Blutgrätsche Corona dazwischengefunkt hätte. Seit Anfang 2020 müssen sich die beiden als thematische Doppelspitze das Feld teilen. Alles andere ist aber egal, besonders in der Argumentation der meisten derjenigen, die sich heute noch als irgendwie links verstehen.
Besonders dramatisch zeigt sich diese Entwicklung bei den hiesigen Grünen - denn die können überhaupt nur mehr auf die beiden Hauptthemen hinweisen, um ihre Regierungsbeteiligung irgendwie zu rechtfertigen; was insbesondere bei dieser Partei nahezu als pervers anzusehen ist, waren sie doch diejenigen, die früher predigten, man müsse "ganzheitlich" und "vernetzt" denken.

Sogar die verwandten Problematiken dieser Dia-Thematik werden noch mehr ignoriert als alles andere, nämlich die Fragen von Gesundheit und Umweltschutz:
Hauptwiderspruch Corona: Es ist völlig blunzen, wenn Menschen vereinsamen oder sich nicht zum Arzt trauen oder wenn Ärzte vor lauter Corona-Angst Patienten nimmer angreifen und Ferndiagnosen stellen oder lebensnotwendige Operationen so lange verschoben werden, bis es zu spät ist. Long Covid wird nicht nur als die Dauerfolge einer Infektion mit dem Virus, sondern auch sozialmedizinisch existieren - als Folge der Maßnahmen.

Hauptwiderspruch Klimawandel: Jetzt soll plötzlich alles elektrisch werden: Mobilität und Heizen dürfen nicht mehr mineralkalorisch sein, ab sofort kommt der Strom umweltfreundlich aus der Steckdose. Ja, da sind wir wieder speziell bei den hiesigen Grünen, die nur wegen Zwentendorf und Hainburg existieren, das aber längst vergessen haben. Jetzt ist die Wasserkraft plötzlich total sauber und den Atomstrom importieren wir sowieso aus dem Ausland.

Natürlich kommt dieses Denken nicht nur bei den Grünen vor, es ist dort nur besonders auffällig. Ich will auch weder die Pandemie noch die Klimaproblematik verharmlosen. Worum es mir geht, ist, daß diese "Denke" in einer komplexen Welt völlig inadäquat ist.
Es geht mir auch gar nicht um Corona oder Klima - ersteres wird hoffentlich bald vorbei sein und zweiteres zwar auch weiterhin ein vorhandenes Problem, das aber aus den Schlagzeilen verschwindet, weil es keiner mehr hören kann und damit auch als Wahlkampfthema uninteressant wird.

Wir leben in einer Welt von Verteilungskämpfen und in denen dreht es sich um Geld, Ressourcen, Gesundheit und wohl auch um Rechte und Würde. Die Diskussionen laufen heute aber gerade in der Linken nicht mehr darum, wie diese Welt besser zu machen ist, sondern wovor wir uns am meisten fürchten sollen. Das ist vielleicht der Unterschied zu den früheren Zeiten der Moderne, als ein wie immer gearteter Fortschritt eine optimistischere Weltsicht ermöglichte.

Damals wie heute war es en vogue, einfache Lösungen zu finden, und daher ist immer ein einzelnes Grundübel auszumachen oder zumindest ein vorrangiges Problem. Da kann man eindeutige Losungen ausgeben und muß sich um den ganzen Rest nicht scheren. Gerade die Linke ist da mit ihrem Ansatz von "Which side are you on?" ein einziges Empörium, das sich eindeutige Frontverläufe wünscht und damit auch einfache Forderungen erhebt - in Zeiten von Social Media noch verstärkter als früher.

Was ich mir nur wünsche, ist sowas wie eine Denkfolgenabschätzung: 'Was verursache ich, wenn ich ein einzelnes Grundübel verorte und mich um alles andere nicht mehr schere?' Wahrscheinlich ist das heutzutage zuviel verlangt, notwendig wäre es aber trotzdem. Das Fokussieren auf Hauptwidersprüche könnte dann vielleicht endlich ein Ende haben.

Allerdings: Kapitalismus war, ist und bleibt scheiße und muß bekämpft werden.
Aber eben nicht nur dieser.

Če, Oberkochmezer der Wiener Zeitschrift "akin" sowie Co-Tratscher der
Salzburger Radiofabriksreihe "Schallmooser Gespräche"