Kalter Krieg reloaded

Man hat beim ZiB-gucken derzeit ein Déjà-vu. Seit wann heißt Leonid Breschnew Vladimir Putin und Ronald Reagan Joe Biden? Herrscht Putin jetzt im Empire of the Evil oder ist Breschnew ein Killer? Man kommt sich vor wie in den frühen 80er-Jahren, auch wenns keine Sowjetunion mehr gibt.

Die „Generation 50+“ ist mit Schreckensbildern über die Welt hinter dem „Eisernen Vorhang“ aufgewachsen, als Kinder dachten wir uns alles dort wie in einem einzigen riesengroßen Gulag. Hat man ja ständig im Fernsehen gehört. Und wenn da einer über die tschechische oder ungarische Grenze nach Österreich flüchten konnte, war er natürlich ein politisch Verfolgter und kein Wirtschaftsflüchtling. Denn jeder Flüchtling von „drüben“ war ein Beweis, wie furchtbar es doch dort ist. Und in dieses „drüben“ wollten sie uns als Jugendliche noch gerne schicken, wenn uns hier was nicht paßte. Weil unterm Hitler häts des net gem – was oft von den gleichen Leute gekommen ist, die damals schon gerne das Nazi-Reich mit der Sowjetunion verglichen haben. Wobei in der Wahrnehmung kein großer Unterschied gemacht worden ist zwischen den „Bruderstaaten“, der Sowjetunion und „Russland“.

Auch Generationen früher wuchsen schon mit diesem Bild auf. Der „russische Bär“ war eine ständige Bedrohung und die Menschen dort lebten im „Völkerkerker“ – lustigerweise ein Begriff, der früher mal die Habsburgerherrschaft meinte, den aber diese schon im Ersten Weltkrieg mittels Propaganda auf das damalige Zarenreich gedreht hat. Im Zweiten Weltkrieg sorgten die Nazis für das Weiterbestehen des Bildes und danach waren in Wien die Ami-Soldaten die Guten und die Russen die Bösen. (Nur die Parteikommunisten sahen das andersrum und hielten umgekehrt die Stalin-Verbrechen für Propaganda.) Andrej Gromyko war „Mister Njet“ und die „Russen“ wollten „uns“ den Staatsvertrag nicht geben – weil sie zu Recht befürchteten, daß Österreich dann sofort zur NATO ginge. Kommt einem bekannt vor, oder?

Und dieses Bild hat sich weitergezogen, in die 60er, 70er, 80er – unabhängig vom real existierenden Russland resp. den jeweiligen Zuständen in der Sowjetunion. Positiv konnotiert war Russland nur, wenn Kulturelles aus dem 19. Jahrhundert reproduziert worden ist, wie mit dem Russischen Staatsballett oder dem Fake-Russen Ivan Rebroff. Und popkulturell gabs auch noch „Raumschiff Enterprise“: Pavel Checkoff durfte die komische Figur abgeben (wobei immer angedeutet wurde, daß die Sowjetunion im 23. Jahrhundert noch existierte) und andererseits gab es die Klingonen, die rauhen, bärtigen, langhaarigen, hochemotionalen Krieger und Feinde der Föderation — also die Russen. Wobei man zur Ehrenrettung von Gene Roddenberry betonen muß, daß da auch schon mal vorkam, daß die Föderation (aka USA) in ihrem Machtsstreben um nix besser ist als das Klingonische Reich.

Und heute? Statt Rebroff haben wir Russkaya, aber wenigstens ist deren Bandleader wirklich in Moskau geboren. Die Nazi-Vergleiche kommen heute von deutschen christdemokratischen und grünen Politikern. Die ehemaligen Ostblockstaaten sind alle bei der NATO und statt dem Warschauer Pakt gibt es nur mehr die „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ (OVKS). Panzerkommunisten sind in Moskau auch nicht mehr an der Macht. Und die Ukrainer sind heute keine „Russen“ mehr. Der Eiserne Vorhang hingegen liegt jetzt nicht nur deutlich weiter östlich, sondern ist auch eine Einrichtung der EU. Dementsprechend mag man auch keine Flüchtlinge mehr haben, die über diese Grenze kommen.

Aber irgendwie fühlt es sich an wie Kalter Krieg, mit der ständigen Angst, es könnte ein echter Krieg werden. Warum ist das so? Und muß das so sein?

Če, Oberkochmezer der Wiener Zeitschrift „akin“ sowie Co-Tratscher der Salzburger Radiofabriksreihe „Schallmooser Gespräche“

Podcast: Die „Schallmooser Gespräche“, eine Sendereihe der Salzburger Radiofabrik, haben sich da jetzt Gedanken über dieses ewig tradierte Russlandbild gemacht. Nachzuhören unter https://cba.fro.at/539058