Jeder Schuß ein Ruß!

„Hap-taccht! Stillgestanden!“ Jaja, in Zivü, da worn ma net vü, aber mitn Müllitär, do san ma jetzt wieda wer. Langsam kommt es einem vor, als sollte man bei den Nachrichten immer strammstehen, mit der Hand am Kappenrand. War es ja schon vor dem Krieg so, daß ständig irgendwelche Lamettaträger und Kommißschädeln im Fernsehen waren, aber langsam wird das ein bisserl viel. Angefangen hat das schon vor Jahren, mit den diversen Assistenzeinsätzen, zuerst an der Grenze, dann vor den Wiener Botschaften. Dann hat ausgerechnet ein grüner Oberbefehlshaber sich zum Sudern bewegen lassen, wie wenig kampfkräftig doch unser Heer sei. Danach kam Corona und damit zuerst die militarisierten Teststationen und in Folge „GECKO“, wo gleich zwei Generalmajore drinsitzen, einer davon im Kampfanzug. Was die dort machen, weiß der Teufel! Das sind ja wohl eher Experten fürs Todschiessen, aber nicht fürs Überleben.

Aber jetzt haben wir einen Leutnant als Bundeskanzler und täglich mindestens einen Generalstabler im Glotzophon. Dazu stehen auch die Chefredakteure von bislang eher als liberal angesehen Blättern Gewehr bei Fuß. Herr Rainer vom profil findet es „widerlich“, daß die SP-Chefin Rendi-Wagner meint, man müsse die Neutralität bewahren. Er ist sich nur nicht sicher, ob er dies als „Sauerei“ qualifizieren solle oder sie das „wegen Feigheit als Spitzenpolitikerin disqualifizieren“ würde. Wenigstens ist Herr Rainer so ehrlich, in seinem Blogbeitrag zuzugeben, daß er eh schon immer für einen NATO-Beitritt war.

Der Falter hingegen produziert ein Cover mit einem Flintenpärchen. Die beiden „heirateten am ersten Tag des Angriffs auf ihre Heimat. Anstatt in die Flitterwochen zu fahren, traten sie der Verteidigungsmiliz bei.“ Dazu lächeln sie aneinander gelehnt vom Titelblatt, mit Sturmgewehren in den Händen. Herr Klenk begegnet auf Twitter dem Vorwurf der Romantisierung des Krieges mit: „Die kämpfen um ihre Freiheit in Kiew.“

Wer nicht für die „Freiheit“, also den Ansprüchen der jeweiligen Oligarchen oder sonst irgendeiner Herrschaft kämpft, begeht also eine „Sauerei“ oder ist „feig“. Hallo? Wer hat noch keinen Stahlhelm, wer will noch einen?

Man kommt sich irgendwie vor wie bei Karl Kraus in den „Letzten Tagen der Menschheit“ – zur Erinnerung: Kraus zitierte darin öffentliche Aussagen von 1914, von denen viele auch von Leuten stammten, wo man vorher der Meinung war, sie hätten mit Militarismus und Patriotismus wenig bis nichts am Hut.

Vom ebenfalls von Kraus portraitierten Hofrat Schwarz-Gelber reden wir mal gar nicht, dessen heutige Wiedergänger sind ja sowieso Legion. Einer davon ist wohl der Bundeskanzler, der da meinte: „Wir begegnen uns heute hier aus meiner Sicht im Hohen Haus nicht als Vertreter von verschiedenen Fraktionen mit verschiedenen politischen Interessen, sondern geeint, mit einer Stimme für das Sicherheitsinteresse der Republik Österreich“. Höre nur ich da den alten deutschen Kaiser von 1914 heraus? „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Weil der hatte ja auch in seiner (vom Reichskanzler geschriebenen) Rede in Bezug auf die Habsburger-Herrschaft gemeint: „Bei der Verfolgung ihrer berechtigten Interessen ist der verbündeten Monarchie das Russische Reich entgegengetreten.“ Na, also wenn man bedenkt, daß die nach wie vor rumwuselnden schwarzgelben Zöpfe gerne Österreich-Ungarn mit der Europäischen Union vergleichen und die einstige Paneuropabewegung sich den Präsidenten eines geeinten Europas in der Wiener Hofburg als residierend vorgestellt hat, ist 1914 gar nicht weit weg.

Es geht heute wie eh und je um „berechtigte Interessen“, die Rußland einerseits, EU und USA andererseits verfolgen. Deutsche, US-amerikanische und ukrainische Oligarchen sind aber um nichts besser als die Rußlands. Eine souveräne, demokratische und sozial gerechte Ukraine will niemand von denen. Aber für diese Oligarchen sollen die ukrainische Bevölkerung und auch die russischen Soldaten bluten.

Wie war das mit dem Klenkschen „Kämpfen für ihre Freiheit“? Wäre es nicht besser gewesen, daß zitierte Pärchen hätte seine Flitterwochen angetreten, solange es noch ging? Wo ist denn diese „Freiheit“, wenn alle ukrainischen männlichen Staatsbürger zwischen 18 und 60 an die „Drecksflinten gepreßt“ (HC Artmann, 1955) werden? Wieso dürfen Männer nicht flüchten? Und wieso finde ich in den Massenmedien einzig und ausgerechnet im Atlantikerblattl „Die Zeit“ Worte der Empörung über diesen atavistischen Kriegerkult? Juliane Frisse schreibt dort: „Männer müssen ausharren. Männer dürfen vor einem Krieg nicht davonlaufen, sondern müssen zur Waffe greifen und zur Not auch draufgehen. … Nur ein kämpfender Mann ist demnach ein guter Mann. Er ist bereit, für die Nation zu sterben. Seine gute Frau ist die schützenswerte Gebärmaschine, die neue Kämpfer und Gebärmaschinen für die Nation zu produzieren hat – und deshalb überleben soll.“ Wieso lese ich sowas nicht im Falter? Wäre es dort nicht eher zu erwarten gewesen? Wenn schon nicht aus einer antimilitaristischen Haltung heraus, so dann doch wenigstens aus einer feministischen!?

Kiew sei jetzt eine Festung, tönt der der ehemalige Boxer und jetzige Bürgermeister. Wozu? Damit die Eliten sich die Chance auf einen EU-Beitritt bewahren können. Dafür wird jetzt geblutet.

Aber man kann doch den Ukrainern nicht zumuten, zu kapitulieren! Stimmt! „Die Ukrainer“ werden eh nicht gefragt.

Die Menschen in Rußland aber auch nicht. Und wir in der EU genausowenig. Damit das Volk hüben wie drüben nicht auf falsche Gedanken kommt, werden Feindsender verboten. In Rußland wird das natürlich ein bisserl heftiger exekutiert und wir hier sollen alle über die Zensur dort empört sein. Damit das aber funktioniert, wird in der EU „RT Deutsch“ verboten – bis hin zur Anweisung an Internetprovider, diese Seiten zu sperren. Weil das ist ja keine Information, sondern Propaganda, und davor müssen die dummen kleinen Leute hierzulande ja bewahrt werden. Das ist also diese freie Welt, in der uns noch die Ukraine fehlt.

Kant hatte in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ gehofft, daß unter demokratischen Verhältnissen keine Kriege mehr geführt werden. Diese gäbe es nur solange, wie sie nicht die „höfischen Ballspiele“ störten. Er hat wohl nicht damit gerechnet, daß auch mit Wahlen die gleichen Figuren an die Macht kommen und die genauso für ihre Refugien sorgen, wo sie ihre Ruhe haben. „Don’t fight, gentleman, this is the War Room“, wie der US-Präsident in Kubricks „Dr. Seltsam …“ meinte.

Wir leben jetzt seit zwei Jahren wegen eines Virus in ständiger Angst und Verteidigungshaltung. In dieser Zeit sind der autoritäre Charakter und der Militarismus aufgeblüht – überall Feinde, gegen die es sich zu verteidigen gilt, nein, nicht die Viren, sondern die Ungeimpften und die Geimpften, die Staatshörigen und die Verschwörungstheoretiker und die zwischen allen Stühlen, die jeweils der Gegenseite zugerechnet werden. Das hatte schon einen leichten Hauch von Bürgerkriegsstimmung. Aber jetzt gibts einen echten Krieg, noch dazu recht nahe und mit einem dämonenhaften Bedroher unserer Freiheit und unserer Lebensart; na, das freut doch die geistigen Landesverteidiger ungemein. Und jetzt schwärmen wir von Aufrüstung, NATO-Beitritt und Truppenübungen!

Ich halte mich da lieber an obzitierten HC! Der ist aus der Wehrmacht desertiert, wurde in ein Strafbataillon gesteckt, desertierte noch einmal und geriet trotzdem in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Der wußte, was Krieg und Militarismus bedeuten. Daher sei hier nochmal aus seinem „Manifest“ zitiert: „Wir rufen euch alle auf: wehrt euch gegen diese barbarei! laßt euch nicht durch radetzky-, deutschmeister und kaiserjägermarsch aug und ohr auswischen… pfeift auf den lorbeer und laßt ihn den linsen!“

Če, Oberkochmezer der Wiener Zeitschrift „akin“ sowie Co-Tratscher der Salzburger Radiofabriksreihe „Schallmooser Gespräche“